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ZS4
24.01.2007, 17:47
"Der Fußball wird benutzt"
Gabriel Landgraf arbeitete sechs Jahre für rechtsextreme Organisationen. Über den Fußball entstanden seine Kontakte zu den Nazis. Im RUND-Interview spricht er über die Bedeutung des Fußballs in der Szene, "nationale Fußballturniere" und die Zusammenarbeit von NPD und Kameradschaften.

RUND: Herr Landgraf, wie sind Sie in die rechtsradikale Szene gekommen?
Gabriel Landgraf: Ich bin durch den Fußball zu den Nazis gekommen. Als Jugendlicher war ich als Hertha-Fan fast immer bei den Spielen. Im Block kannte man sich untereinander. Dort bin ich das erste Mal mit Neonazis in Kontakt getreten. Zunächst faszinierte mich nur der Fußball, dann hat es sich immer weiter in die rechtsradikale Richtung entwickelt. Ich weiß noch, damals sagte ich zu meiner Mutter mal, dass ich mich beim Fußball wohler als Zuhause fühle. Es war richtig familiär. Wir sind zusammen zu Auswärtsspielen gefahren und haben Fanpartys veranstaltet.

RUND: Wie hat sich der Rassismus beim Fußball gezeigt?
Ganz offen. Wir haben schwarze Spieler mit Bananen beworfen und gerufen: "Mach den Neger kalt." Der Schiri wurde als Judensau beschimpft. Und im Stadion oder in der S-Bahn haben Hunderte im Chor "Sieg Heil" gebrüllt. Eigentlich war es verboten den rechten Arm zu heben, aber bei den Spielen in der 2. Bundesliga hatten wir Narrenfreiheit. Heute sind die Kontrollen in den Bundesligen besser. Aber in den unteren Klassen sind Gesänge wie "Eine U-Bahn bauen wir, von St. Pauli bis nach Auschwitz, eine U-Bahn bauen wir" normal.

RUND: Wie sind Sie dann vom Fußballfan zum Leiter einer rechtsradikalen Kameradschaft geworden?
Über den Fußball entstanden die Kontakte zur organisierten Szene. Dann habe ich mich persönlich mehr mit dem Thema Nationalsozialismus beschäftigt und schließlich etwa in den Jahren 1999, 2000 beschlossen, selbst aktiv zuarbeiten.

RUND: Wie sah die Arbeit aus?
In Berlin wollte ich mit meinen Kameraden ein neues Umfeld aufbauen. Wir haben überlegt, wo das was bringt. In welchem Bezirk gibt es viele Jugendliche und ein hohes Potential für unsere Ziele? Mit wem kann man eng zusammenarbeiten? Dann habe ich mit meinen Weggefährten eine Gruppierung in Berlin gegründet. Ein ehemaliger NPD-Kandidat hat für unsere Organisation die Öffentlichkeitsarbeit erledigt.

RUND: War der Fußball bei der Arbeit für die Kameradschaft bedeutsam?
Ja. Der Fußball wird in der Szene immer benutzt. Fußball verbindet. Fußball ist gesund und bringt Körper und Geist in Einklang, dass haben wir andauernd propagiert. Aber es war nicht nur Fußball. Auch Kampfsport oder Wandern haben wir als Freizeitaktivitäten angeboten. Wir hatten einen Bolzplatz, auf dem wir wöchentlich zum Kicken einluden. Wenn da einer war, aus dem man was machen konnte, hat man ihn zum Fußball eingeladen, danach wurde noch gegrillt und Bier getrunken. So werden die 15-, 16-Jährigen geködert und rekrutiert. Zum Fußball haben wir speziell die Jugendlichen eingeladen, die noch nicht so gefestigt waren. Danach wurde aussortiert, mit wem kann man was anfangen, mit wem nicht. Beim nächsten Mal hat man den Nachwuchs dann zum Spiel ins Stadion mitgenommen oder zu einer Demo. So funktioniert das heute noch.

Ein Anhänger von Hertha BSC Berlin Foto: Imago
RUND: Welche Rolle spielten die größeren Fußballklubs?
Wenn Gerichtstermine oder öffentliche Veranstaltungen anlagen, wenn man also ein paar Hauer brauchte, ist man zu BFC Dynamo Berlin in den Fanblock und hat sich Hools geholt. Bei den Traditionsvereinen herrscht eine Hierarchie, die von rechts aufgebaut und kontrolliert wird. Die Hooligan-, Ordner- und Rocker-Szene ist sehr stark rechts. Wer sich auch heute noch als Schwarzer bei BFC oder Lok Leipzig in den Block setzt, ist lebensmüde.

RUND: Gibt es auch aktive Fußballer, die zur Szene gehören?
Vereinzelt schon. Einer unserer Kameraden spielte in der Regionalliga und hatte Talent. Er sagte dann aber, er hört lieber auf mit dem Fußball, bevor er mit einem Neger zusammenspielen muss.

RUND: Waren Sie mit Ihrer Kameradschaft in Berlin Einzelkämpfer?
Nein, das läuft deutschlandweit so. Wir haben auch Länderübergreifend gearbeitet. Eng war die Zusammenarbeit mit der Brandenburger Kameradschaft Märkischer Heimatschutz (MHS). Zusammen waren wir der Nationale Widerstand Berlin Brandenburg. Wir haben gemeinsame Aktionswochen und Veranstaltungen durchgeführt. Ende 2004 wurde ich zum Vorstandsmitglied des MHS.

RUND: Der Fußball in Brandenburg?
Der gehört genauso dazu. So genannte "nationale Fußballturniere" der Rechten werden auch in Brandenburg ausgetragen. Wir als Kameradschaft wurden bundesweit eingeladen. Hallen oder Dorfplätze werden gemietet und dann wird gespielt.

RUND: Was ist das Ziel dahinter?
Unsere Taktik war es, gezielt in die Mitte der Gesellschaft zu gelangen. In Deutschlands Freizeitligen tummeln sich viele Mannschaften der Rechten. Gerade im ländlichen Raum heißt es dann: Der Junge spielt Fußball und ist in der freiwilligen Feuerwehr aktiv - das kann kein Nazi sein. Mit ehrenamtlicher Arbeit versuchen sich NPD und Kameradschaften unantastbar zu machen. In einigen Gegenden in Nord- und Ostdeutschland bestimmen sie schon heute mit.

RUND: NPD und Kameradschaften arbeiten zusammen?
Ja, die Kameradschaftsführer und die NPD sitzen an einem Tisch. Ich habe selbst an solchen professionellen Tagungen teilgenommen. Sie planen die Volksfront von rechts. Die NPD hat in vielen Gegenden aber keinen Draht zur Jugend. Dort dominieren dann die Kameradschaften. Gewählt wird NPD und Kameradschaftsführer bekommen einen Listenplatz. Der Trend geht dahin, dass sich die Kameradschaften offiziell auflösen. So sind sie nicht so leicht zu durchschauen und können nicht verboten werden. Unter dem Deckmantel der NPD haben die Nazis mehr rechtliche Freiheiten.

Interview: Steffen Dobbert und Lennart Laberenz



Quelle (http://www.rund-magazin.de/home/news/8fe6a2ee-fdc5-4869-a2d2-55b9b28f2642)





Ich habe mir heute zum ersten Mal das Magazin gekauft. Nur aus dem Grund, dass ich auf dem Cover in großen Buchstaben: NAZSI VERGIFTEN DEN FUßBALL lesen konnte. Ich schlug es also mal auf und sah auf den BIldern gleich die Ultras. Ich dache es wäre so ein Bericht, in dem die Ultras wieder abgestempelt werden, aber ich wurde eines Besseren belehrt. Der einzige Fehler ist ein Bild unter dem steht: Rauch und Feuer: Fans beim Spiel des BFC Dynamo Berlin, auf dem Bild kann man aber den Magdeburger Block sehen, es steht lediglich ein BFC Spieler davor.

Ich kann euch en Kauf des magazins wirklich nur ans Herz legen.

ZS4
25.01.2007, 15:06
Kommentar
Der Osten ist rechts! So einfach hätten das gerne einige. Doch die Realität ist vielschichtiger. In den neuen Bundesländern gibt es einige Stadien, in denen sich die Fans erfolgreich gegen die braunen Ideologen zur Wehr setzen. Dafür haben rassistische Pöbeleien und Übergriffe bei manchen westdeutschen Vereinen derzeit wieder Konjunktur.

Für viele westdeutsche Fußballfans - besonders für diejenigen, die die mittlerweile nicht mehr ganz so neuen Bundesländer nur aus dem Fernsehen kennen - ist die Sache klar: Der Osten ist rechts, der dortige Fußball ganz besonders. Ein ebenso bequemes wie fatales Vorurteil, wenngleich ein oberflächlicher Blick auf die Statistik das Klischee erst mal zu bestätigen scheint. Die Zahl rechtsextremer Straftaten ist in Sachsen etwa zwölfmal höher als in Rheinland-Pfalz. Und das bei einem mehr als viermal niedrigeren Ausländeranteil im Vergleich zu den alten Bundesländern.

Dennoch ist Rechtsextremismus weder ein ostdeutsches Phänomen noch ist der Westen eine Insel der Völkerverständigung. Bei den Oberligisten Sachsen Leipzig oder Babelsberg 03 herrscht ein antifaschistischer Grundkonsens im Stadion, beim Zweitligisten Carl Zeiss Jena verhält sich die Handvoll Verirrter aus gutem Grunde ruhig. Selbst bei Dynamo Dresden oder Lok Leipzig, die nicht zu Unrecht immer wieder in den Medien auftauchen, sind die Rechten eine - wenngleich nicht zu übersehende - Minderheit innerhalb des jeweiligen Traditionsvereins, dem Zehntausende Fußballfans die Daumen drücken. Ultras von Carl-Zeiss-Jena und Sachsen Leipzig haben sich zudem in den letzten Jahren immer wieder in den Weg gestellt, wenn Rechtsextreme in ihren Städten aufmarschierten.

Fans von Sachsen Leipzig bekennen sich gegen Rassismus Foto: Imago
Umgekehrt haben auch in Westdeutschland Rechtsextreme die unteren Ligen zur Bühne erkoren. In der Oberliga Nord kam es jüngst an einem Wochenende gleich zu zwei rassistischen Vorfällen, als sich Fans der zweiten Mannschaften von Eintracht Braunschweig und von Holstein Kiel bemüßigt sahen, farbige Spieler der Gegenmannschaft zu beleidigen und zu bedrohen. Die Spieler von Holstein Kiel zeigten jedoch schnell, wie man Rassisten begegnen muss. Nachdem ihre "Fans" Ofusehne Odure-Oponi von Altona mit Bier überschüttet hatten, nahmen sie ihn spontan in ihre Mitte und zeigten so dem eigenen Anhang, was sie von dessen Pöbeleien hielten. Die Rechten sollen dem Vernehmen nach reichlich verdutzt aus der Wäsche geschaut haben. Kurz darauf wurden sie unsanft aus dem Stadion befördert. Auf Drängen seiner eigenen Fans hatte Altonas Präsident Dirk Barthel die Polizei verständigt. Sehr zur Freude des Kieler Managers, der sich tags darauf auf der Homepage von Altona 93 für die ungebetenen "Fans" aus Kiel entschuldigte. Wenn Fans und Offizielle überall so entschlossen reagieren würden, hätte sich das Problem schnell erledigt. Und zwar in Ost und West.

Christoph Ruf



Quelle (http://www.rund-magazin.de/home/news/6bec58fc-58cc-45ad-95a0-536f52bb4c5b)

DonHamburgo
25.01.2007, 18:44
Sehr interessanter Bericht...

yogi
25.01.2007, 20:22
Kommentar
In der Oberliga Nord kam es jüngst an einem Wochenende gleich zu zwei rassistischen Vorfällen, als sich Fans der zweiten Mannschaften von Eintracht Braunschweig und von Holstein Kiel bemüßigt sahen, farbige Spieler der Gegenmannschaft zu beleidigen und zu bedrohen. Die Spieler von Holstein Kiel zeigten jedoch schnell, wie man Rassisten begegnen muss. Nachdem ihre "Fans" Ofusehne Odure-Oponi von Altona mit Bier überschüttet hatten, nahmen sie ihn spontan in ihre Mitte und zeigten so dem eigenen Anhang, was sie von dessen Pöbeleien hielten. Die Rechten sollen dem Vernehmen nach reichlich verdutzt aus der Wäsche geschaut haben. Kurz darauf wurden sie unsanft aus dem Stadion befördert. Auf Drängen seiner eigenen Fans hatte Altonas Präsident Dirk Barthel die Polizei verständigt. Sehr zur Freude des Kieler Managers, der sich tags darauf auf der Homepage von Altona 93 für die ungebetenen "Fans" aus Kiel entschuldigte. Wenn Fans und Offizielle überall so entschlossen reagieren würden, hätte sich das Problem schnell erledigt. Und zwar in Ost und West.[/URL]

Wer hat da gespielt? Kiel gegen Braunschweig oder gegen Altona?

ZS4
25.01.2007, 20:39
Wer hat da gespielt? Kiel gegen Braunschweig oder gegen Altona?

Ich denke Kiel gegen Altona und Braunschweig hatte bei nem eigenen Spiel rassistische Vorkommnisse..

ZS4
26.01.2007, 13:46
"Der Rechtsextremismus hat eine breite Akzeptanz gewonnen"
Günther Hoffmann kämpft im nordöstlichen Ende der Bundesrepublik gegen die rechtsextreme Szene. In seiner Heimat, zwischen Ostsee und Polen, erzielt die NPD Rekordwahlergebnisse, rechtsextreme Kameradschaften unterwandern Verbände, Bürgerinitiativen und Fußballvereine. Im RUND-Interview erklärt der Experte, wie es die Nazis in die Mitte der Gesellschaft schaffen.

RUND: In Ueckermünde hat die NPD bei den Landtagswahlen über 15 Prozent der Zweitstimmen bekommen. Wieso?
Günther Hoffmann: Das Ergebnis war absehbar, weil die Kameradschaften hier in der Region eine sehr weitgehende Verankerung haben. Die Entwicklung verläuft kontinuierlich. Im Jahr 2003 zum Beispiel hat die aus den Kameradschaften heraus gegründete Initiative "Schöner und sicherer leben in Ueckermünde" über 2000 Unterschriften gegen ein Asylbewerberheim in der Stadt gesammelt, bei etwa 7500 Wahlberechtigten. Auch die Bundestagswahl hat gezeigt, dass die NPD auf einen gefestigten Wählerstamm zurückgreifen kann.

RUND: Wie wird Mecklenburg-Vorpommern innerhalb der Kameradschaftsszene wahrgenommen?
Günther Hoffmann: Die Vorgänge hier werden bundesweit und noch darüber hinaus sehr genau beobachtet - die Kameradschaften hatten sich die Gegend als Experimentierfeld ausgeschaut, der Aufbau ist ungestört vonstatten gegangen. Die Region gilt im deutschsprachigen Raum als Modellregion der Verankerung rechtsextremer Strukturen in der bürgerlichen Mitte.

RUND: Wie haben sich die Kameradschaften entwickelt?
Günther Hoffmann: Wie auch bundesweit haben sich hier Kameradschaften seit Mitte der 1990er Jahre gefestigt. Seit 2002 beobachten wir überregionale Strukturen. Die Kameradschaften haben Dachverbände gegründet, so wie hier in der Region die Pommersche Aktionsfront und im benachbarten Kreis die Mecklenburgische Aktionsfront. Damit haben Kameradschaften eine Vernetzung. Hier wird gekadert, ausgebildet, geschult. In Ueckermünde gibt es seit über sechs Jahren die Nationalgermanische Bruderschaft und die Arian Warriors. Das sind informelle Organisationen, die nach außen nicht in Erscheinung treten - dafür haben sie etwa die NPD funktionalisiert. Über sie greifen sie die Sorgen und Nöte der Bevölkerung auf und beantworten sie mit Parolen zum Schein.

RUND: Sie sprechen von Kameradschaften und NPD. Wie ist im Nordosten das Verhältnis der beiden Organisationen zueinander?
Günther Hoffmann: Wir haben hier in der Region keine echten NPD-Strukturen. Die rechtsextremen Strukturen sind aus sich heraus gewachsen, ohne parteiliche Organisationsform. Mit dem "Volksfrontbündnis" von 2004 haben die Kameradschaften den parlamentarischen Weg eingeschlagen, sie brachten regionale Verankerung und das Personal für die NPD.

RUND: Wo treffen sich die Kameradschaften?
Günther Hoffmann: Überall. Es gibt da immer wieder Garagenkomplexe die gemietet oder gekauft wurden, Wirtschaften, zu denen sie gute Beziehungen haben oder Schrebergärten. Da sie kaum noch durch Gewalt auffallen, haben sie bei den Treffen keine größeren Probleme.

RUND: Auch Fußballplätze?
Günther Hoffmann: Mit Sicherheit. In den unteren Ligen sind sie als Zuschauer präsent. Aus dem brandenburgischen Rathenow zum Beispiel ist bekannt, dass es dort immer wieder Versuche gab, eigene Mannschaften in Ligen unterzubringen. Es gibt Fußballvereine, in denen Einzelpersonen aktiv sind - mit gut organisierten Fans im Hintergrund. Hier finden sich in jedem Fußballstadion Einzelne, bis hin zu gut organisierten Grüppchen, die Nachwuchs organisieren, die agitieren. Sie sind auch immer weniger erkennbar - die gestiefelten Glatzen spielen seit etlichen Jahren überhaupt keine Rolle mehr.

RUND: Ist dieses Auftreten Teil einer Strategie?
Günther Hoffmann: Tatsächlich ist das eine größere Strategie. Den Rechtsextremen geht es darum, auch im Bürgertum ernst genommen, akzeptiert zu werden. Zum Auftreten gehört, dass sie öffentlich nicht mehr gewalttätig agieren, sondern vielmehr durch Gespräche und Argumente. In Vereinen, Verbänden und Versammlungen verbreiten sie langsam ihre Ideologie. Sie sind im Handwerksverband, in Feuerwehren oder im Fußball.

RUND: Wer geht denn zu den Kameradschaften?
Günther Hoffmann: Das sind vor allem junge Männer aus der Gegend, die in Lohn und Brot stehen. Sie sind etabliert und haben Familie. Man kann fast sagen, dass unter Kameradschaftlern die Arbeitslosigkeit geringer ist als in der Region, weil es ihnen auch gelungen ist, eine ökonomische Infrastruktur zu bilden. Durch sie sind die Kameradschaften hier verankert. Es ist längst nicht mehr so, dass es sich dabei um ungebildete Arbeitslose handelt. In manchen Ecken bilden die Kameradschaften die Elite der Einwohner. Sie gründen Firmen, schaffen Arbeitsplätze, unterstützen Feiern und allerlei kulturelle Aktivitäten. Gleichzeitig gibt es überhaupt kein Bewusstsein, mit was genau sich da Bürgermeister, Organisatoren von Erntedankfesten oder Ähnlichem einlassen.

RUND: Das heißt, Rechtsextreme sind nicht das Grüppchen Hooligans, auf die man mit dem Finger zeigt?
Günther Hoffmann: Nein, ganz und gar nicht. Über die Personen hat der Rechtsextremismus inzwischen eine breite Akzeptanz gewonnen. Die präsentieren sich als die netten Bürger von nebenan. Die Leute aus dem Umfeld rechtsextremistischer Organisationen sind inzwischen sehr bekannt und geachtet.

RUND: Damit ist der Rechtsextremismus in den Alltag eingesickert.
Günther Hoffmann: Korrekt. Wenn wir auf unseren Veranstaltungen fragen, ob die Leute rechtsextreme Publikationen kennen, wird das in aller Regel verneint. Dann halten wir den "Usedomer Inselboten" hoch, und über die Hälfte kennt ihn, nur hatte niemand das als Rechtsextremismus eingestuft. Die NPD ist hier als normale Partei angesehen.

RUND: Gibt es keine zivilgesellschaftliche Reaktion?
Günther Hoffmann: Eher dürftig. Es gibt im ländlichen Bereich der neuen Bundesländer kaum ausgeprägte, verankerte, zivilgesellschaftliche Strukturen. Da haben wir ganz sicher mit den Versäumnissen nach der Wende zu kämpfen. Die freiheitlich-demokratische Grundordnung und das Bewusstsein für Verantwortung und Chancen des Einzelnen wurden hier nie so richtig etabliert. Speziell zwischen 1989 und 1995 hat man versäumt, dieses transparent zu machen. Hier sagen immer noch viele, dass man ihnen nie richtig erklärt hätte, wie Demokratie funktioniert. In den Köpfen der Leute ist die alte SED-Zeit noch sehr verwurzelt.

Interview: Lennart Laberenz


Quelle (http://www.rund-magazin.de/home/news/56e45f84b18441bcb168a8bd5220f762)

ZS4
28.01.2007, 17:35
Ganz normale Jungs
Der VfB Zeitz spielt in der Kreisoberliga Sachsen-Anhalts. In einer Wahlsimulation für Jugendliche erhielt die DVU in Zeitz 32,7 Prozent. Ein Besuch beim Stadtderby VfB gegen Motor Zeitz.

Wenn man Lother Pietzsch in 06721 Osterfeld besucht, trifft man einen heimlichen Regenten der 1400 Einwohner. Früher hat er die VEB Keramik mit 110 Beschäftigten geleitet, war Dozent am Seminar für Marxismus-Leninismus, einer aus der Nomenklatur der Provinz. Einer, der sich um die Menschen und ihre Bedürfnisse gekümmert hat, "einfach nur Zahlen und Vorgaben zu erfüllen, kam mir falsch vor", sagt er. Osterfeld, Grenna, Zeitz, der Südzipfel des Chemiedreiecks Halle - Leuna - Bitterfeld. Hier lief die industrielle Produktion, Haarshampoo, Benzin, Zucker oder eben Ofenkacheln. Die erste Kunststoffkegelbahn der DDR wurde in Osterfeld eingeweiht. 1963 war das. Die Landschaft ist lieblich, man stellt sich die Sommer idyllisch vor. Osterfeld schmiegt sich mit kleinen Häusern und rumpeligen Gassen in die Hügel, hinter dem Rathaus bereiten sie einen Weihnachtsmarkt vor.

War das Leben hier schön zu DDR-Zeiten, Herr Pietzsch? "Dreckig wars. Wir wundern uns noch, dass hier Gras wächst." Die Region war ein Sinnbild der Industrieproduktion ohne Rücksicht auf die Umwelt oder die Menschen, die darin lebten. Das hat sich geändert, heute scheint die Natur einigermaßen intakt. Aber heute schwanken die Arbeitslosenzahlen vom Merseburger Arbeitsamt auch um zwanzig Prozent. Um ganze 46 Prozent sank die Zahl der Beschäftigen in den zehn Jahren nach 1990 in Sachsen-Anhalt, als Resultat der bundesweit schnellsten Abwanderung der Jungen und Gebildeten, überaltert die Region. Auch Zeitz steuert auf eine Sackgasse aus Überalterung, Beschäftigungsmangel und Abwanderung.

"Nein", Lothar Pietzsch schüttelt den Kopf, mit Rechtsextremismus habe man zum Glück noch keine Probleme gehabt. "Drei Mal Holz", er klopft mit der Linken auf den Wohnzimmertisch. Ein paar Unruhestifter, nun gut, die gebe es überall. Und die Glatzköpfe beim VfB Zeitz? Ganz normale Jungs seien das gewesen, "die wollten in die Öffentlichkeit kommen". Das habe sich in den letzten beiden Jahren "ganz positiv entwickelt." Vor ein paar Jahren, nun gut, da habe es einige gegeben, die seien sehr hart eingestiegen. Aber alles in allem, nein, Rassismus käme hier nicht vor. Vielleicht ein paar Schmierereien, "aber das hat mit Fußball nichts zu tun."

Am Nachmittag schickt der VfB Zeitz den Lokalrivalen Motor mit 5:1 nach Hause. Ein ansehnliches Spiel in der Kreisoberliga, die Heimmannschaft spielt schneller und kombiniert bissiger gegen den erschreckend schwachen Gegner. Der VfB hat ein deutlich jüngeres Team - am ballsichersten ist die Nummer 10, er sieht aus, als spiele er noch in der A-Jugend. Später geht er mit einem verwaschenen Hemd durch das Vereinsheim. Vorne drauf steht "Deutschland". Den Kopf hat er frisch rasiert.

In der zweiten Halbzeit geht ein Vereinsverantwortlicher mit einem roten Eimer an den Zuschauern vorbei, er sammelt Müll ein. Allerlei Flaschen trägt er zusammen, vor allem Schnaps und bunten Fusel - die Bierflaschen werden verteidigt, darauf gibt es Pfand. Hinter der Bank der Heimmannschaft stehen Jugendliche, einzelne recht abgetragene Londsdale-Jacken, einige frisch rasierte Köpfe, Schneetarnhosen. Der fremde Reporter wird gemustert, man könne doch noch jemanden "aufklatschen" murmelt ein größerer mit silbernen Ohrringen vernehmlich. "Disziplin" rufen andere.

Der Dialekt ist schwer verständlich, dass sie übers Trinken reden, versteht man dennoch. In der Nacht zuvor hat ein vielleicht fünfzehnjähriges Mädchen vor die Bank gekotzt. Sie kann aber wieder Bier trinken. Gottlob. Die meisten Jüngeren hier wirken schwer angetrunken. Ein vielleicht Fünfunddreißigjähriger mit Bart redet in sein Telefon, es klingt als beende er das Gespräch mit "Heil Hitler". Dabei schaut er den Reporter an, als warte er auf eine Antwort.

Das sei halt die Mode der Jugend, sagt Thomas Braun, Trainer und guter Geist des Vereins. Praktisch zudem seien Glatzkopf oder die kurzen Haare, "einmal mit der Hand drüber und man ist gekämmt." Nein, von Problemen mit Rechten habe er noch nichts gehört. "Hier wird Fußball gespielt, da bleibt Politik draußen. Ob hier jemand rechts oder links ist, auf dem Platz gibt es keine Ideologie." Thomas Braun ist eigentlich Maschinenanlageningenieur, 1958 in Zeitz geboren, hier gelernt und angestellt und entlassen. Seit einem Jahr hat er einen Ein-Euro-Job im Verein. Er zieht an seiner Zigarette, streicht Asche vom Resopaltisch. "Was man hier anders machen müsste? Der Staat muss einmal durchgreifen", sagt er. Zu viel Langeweile hätten die Jugendlichen, zu viel erlauben dürften sie sich, ohne dass sie bestraft würden. Stattdessen komme der Staat doch nur mit dem Psychiater - es klingt, als würde Thomas Braun gleich sagen wollen, dass alles zu verweichlicht sei. "Demokratie, Pressefreiheit, alles gut und schön, aber so?" Thomas Braun stutzt und kratzt sich im Gesicht. "Nein, so geht es nicht. Es muss sich grundsätzlich was ändern. Es geht doch nur noch ums Geld."

Beim Fußball: Naziproll am Rande eines Länderspiels Foto: Imago
Der Diskurs des Rechtsextremismus organisiert sich entlang völkischen Semantiken und sozialen Bruchlinien gleichermaßen. Scheinbar bietet er so eine positive Vision. Rechte Parolen docken an das vermeintliche Fehlen von Autoritäten und Werte an und spielen so mit rechtskonservativen Urthemen. Unter der Hand wird man deutlicher, es geht gegen die Unvölkischen und Bonzen. Die rechten Lieblingsthemen der Geschichtsverklärung mischten sich seit Ende der 1990er Jahre mit Sozialromantik zum übergreifenden Prinzip des "Nationalen Sozialismus". Viele Gruppen verbinden damit auch die straffe Organisation der Glücksvorstellung deutscher Sekundärtugendprediger: Ordnung, Disziplin, Sauberkeit. Während die Antifas als ordnungslose Drogenkonsumenten dargestellt werden, präsentieren sich die Kameraden als die netten Nachbarn - eine Botschaft, die insbesondere in Ostdeutschland gerne gehört wird. Fußball ist dabei oft genug das Feld, wo unter den Zuschauern Nachwuchs rekrutiert wird. Jugendliche erleben auf den Rängen, was ihnen in der Gesellschaft fehlt - Gemeinschaft, Zusammenhalt, Zugehörigkeit. Und neben dem Bier gibt es immer auch einen Feind - die gegnerische Mannschaft oder das gegnerische Denkmuster.

Am Abend versammeln sich ein paar Jugendliche im Zeitzer Jugendzentrum. Hier im "Haus der Jugend" seien sie jeden Abend. Es gibt ja auch sonst nichts. Ja, es gebe ziemlich viele Rechte hier. Und vielleicht seien die auch beim VfB, da habe man schon einmal etwas gehört. Auch das Haus der Jugend soll ein ideologiefreier Raum sein. Noch einer. Arbeitslos sind die meisten hier, oder sie arbeiten viel für wenig Geld. 1600 brutto für weit über 70 Wochenstunden verdient einer, der Lastwagen fährt. Sein Nachbar hat sich für lange Zeit beim Bund verpflichtet. Wieder ein anderer ist Textilfachverkäufer. Seit wann arbeitslos? "Seit 1999, seit ich ausgelernt habe."

Was man tun müsse? "Alle Politiker entlassen", sagt der von der Bundeswehr. "Da taugt keiner was." Und dann? Der Junge grinst ein wenig unsicher. Er ist knapp über zwanzig, raspelkurzes Haar, eine schwarze Bomberjacke und schlechte Zähne. Er hat ein Kind, so schnell will er aus der Region nicht weg. "Keine Ahnung. Aber schlimmer kann es nicht kommen." Die anderen Pflichten bei. Sie fühlen sich ausgenutzt von den Arbeitgebern und von den Politikern verarscht. Warum sie da nicht bei der DVU seien, die argumentiere doch ähnlich? "Nur Parolen. Die bringen überhaupt nichts. Aber mit vielen Dingen haben sie gar nicht unrecht."

Offensichtlich ist der Rechtsextremismus trotzdem nicht ganz unbeliebt. In Sachsen-Anhalt und Thüringen tritt bei Wahlen die DVU in Absprache mit der NPD an, die dafür Mecklenburg und Brandenburg bekommen hat. In einer Wahlsimulation "U 18", bei der Jugendliche unter diesem Alter aufgefordert wurden, ihre Stimmen abzugeben, erlangte die DVU im Burgenlandkreis 19,63 Prozent. In Zeitz erhielt die Partei 32,74 Prozent der Zweitstimmen und wurde mit Abstand stärkste Fraktion.

Text: Lennart Laberenz




Quelle (http://www.rund-magazin.de/home/news/a9b852e1-9702-48ae-aa45-4cb0a78464e0)

ZS4
29.01.2007, 10:34
"Vor allem die Regional- und Oberligen sind interessant"
Klaus Beier ist Landesvorsitzender der Brandenburger NPD und Bundessprecher der Partei. Im RUND-Interview spricht der rechtsextreme Politiker über NPD-Aktionen in Fußballstadien und die bundesweite Ausrichtung der Partei.

RUND: Ein NPD-Mann sagte uns: "Die WM war ein großer Erfolg für alle, die stolz darauf sind, Deutsche zu sein". Sehen Sie das auch so?
Klaus Beier: Während der WM hatte ja eine tolle Stimmung im ganzen Land geherrscht, die leider schon wieder etwas abgeebbt ist. Aber es ist trotzdem etwas hängen geblieben, da bin ich sicher. Nicht nur, weil man nun des Öfteren die deutschen Fahnen sieht. Auch der Nationalstolz hat sich heraus kristallisiert, und in der Außenwirkung hat sich gezeigt, dass der Deutsche unverkrampft und locker leicht bis in die Puppen feiern kann: Was bisher nur den Südländern zugetraut wurde, ist also auch beim so genannten kühlen Deutschen möglich.

RUND: Die Stimmung während der WM war trotz der Deutschlandfahnen eher international statt national. Fühlt sich die NPD ihres Kernthemas beraubt?
Klaus Beier: Dieses Thema kann man niemandem wegnehmen. Entweder man ist ein Patriot oder national denkender Mensch - oder nicht. Viele sind aber erst auf diesen patriotischen Zug aufgesprungen, als es jeder gemacht hat und schon gar nicht mehr anders ging, das war auch teilweise feige.

RUND: Was plant die NPD, um verstärkt im Stadion präsent zu sein?
Klaus Beier: Für uns ist die Zweite Liga interessant, vor allem aber die Regional- und Oberligen, was unsere nationalen Botschaften angeht. Die Bundesliga selbst ist schon so kommerziell, und die meisten Besucher dort sind politisch völlig abgestumpft; das sind doch nur Brot und Spiele. Für die unteren Ligen könnten wir aber ein spezielles Flugblatt entwickeln. Wenn wir wieder Geld in den Kassen haben, könnten wir auch mit einer Stadion-CD nach außen gehen. Aber unsere finanzielle Lage ist ja gerade etwas prekär, das ist ja kein Geheimnis. Auch Aufkleber "Ein Herz für Deutschland" sind eine Option. All diese Dinge können wir hoffentlich 2007 umsetzen, auch wenn sie nicht ganz oben auf der Agenda stehen.

RUND: Warum bekommen Sie im Westen kein Bein auf den Boden?
Klaus Beier: Der Boden im Osten - wir sprechen ja von Mitteldeutschland - ist für uns fruchtbarer als im Westen, aber wir sind eine gesamtdeutsche Partei und wollen eben keine PDS werden. Ich kann mir vorstellen, dass wir im Ruhrgebiet, was ja die Fußballhochburg schlechthin ist und wo eine ähnliche soziale Schieflage vorherrscht wie in Mitteldeutschland, noch aktiver werden.

RUND: Fanaktivisten auf Schalke sagen: Wenn die sich hier blicken lassen, werden die in zehn Sekunden vertrieben.
Klaus Beier: Wenn von vornherein bekannt ist, wie auch auf St. Pauli beispielsweise oder bei anderen Ruhrvereinen, dass es viele politisch aktive Fanclubs aus der linken Richtung gibt oder Fanprojekte gegen rechte Tendenzen, dann macht es keinen Sinn, dort aktiv zu werden. Wir wollen ja auch nicht zu aufdringlich sein. Es gab auf Schalke ja auch schon die Diskussion, DVU-Mitlieder oder Mitglieder der Republikaner von der Vereinsmitgliedschaft auszuschließen oder Stadionverbote zu erteilen. Es macht also am meisten Sinn, dort zu agitieren, wo der Boden fruchtbar ist - und das ist in Mitteldeutschland.

RUND: Unabhängig vom Fußball: Wo ist es der NPD im Westen gelungen, den Rand der Gesellschaft zu verlassen?
Klaus Beier: In bestimmten Regionen des Ruhrgebiets, Gelsenkirchen kann ich da auch besonders erwähnen. Dort gab es ja auch Demonstrationen während der WM und im Vorfeld Verteilaktionen mit unserem Informationsmaterial. Da passiert viel, wegen der sozialen Schieflage. Da ist es auch egal, was der Schalker Fan XY sagt. Und in Franken hatten wir bei der Bundestagswahl bereits drei bis vier Prozent, das ist schon eine ganze Menge, fast schon mitteldeutsches Niveau.

RUND: In Mecklenburg hat sich die NPD den Kameradschaften komplett untergeordnet. Bedauern Sie das?
Klaus Beier: "Das sehen wir nicht so, die meisten Kameradschaftsführer oder sonstige ehemalige Mitglieder sind ja inzwischen in die NPD eingetreten, auch diejenigen die jetzt im Landtag sitzen. Und die Parteisatzung und das Programm sind ja bindend, daran hat sich jeder in der Partei zu halten. Das funktioniert auch mit den ehemaligen Kameradschaftsmitgliedern, die jetzt bei der NPD aktiv sind.

Interview: Olaf Sundermeyer



Quelle (http://www.rund-magazin.de/home/news/32d800ed-d5d9-4aa1-9792-acd86151dad8)

ZS4
30.01.2007, 17:44
"Woanders ist es doch viel schlimmer"
Görlitz ist keine "national befreite Zone". Es gibt hier eine lebendige Kulturszene und außer der Rechten viele andere Subkulturen. Der schwarze Görlitzer Rafael muss dennoch stets auf der Hut sein - nicht nur beim Fußball.

Vor 19 Jahren wurde Rafael (Name geändert) in Görlitz geboren, er wohnt noch heute dort. Das überrascht ein wenig, denn schon als Kleinkind merkte er, dass er in Ostsachsen mit seiner Hautfarbe Aufsehen erregt. 1989 war er drei Jahre alt und mit seiner Mutter auf dem Weg zu Verwandten, als die beiden in Dresden-Neustadt umsteigen mussten. Fatalerweise hatte Dynamo Dresden an diesem Tag ein Heimspiel. "Kaum hatten die mich gesehen, stürmten Dutzende Fans auf uns zu. Meine Mutter konnte uns gerade noch in die Bahnhofsmission retten." Seither haben die Feindseligkeiten nicht aufgehört. Dass er jederzeit zusammengeschlagen werden kann, wenn er zu Freunden oder zum Fußball geht, ist ihm immer bewusst. Jahrelang hat Rafael für einen Klub im Landkreis gekickt. M., der wohl bekannteste Nazi in Görlitz, hat erst jüngst wieder gesagt, er würde notfalls sogar mit einem Punk in einer Mannschaft spielen. Aber nie, nie, mit "dem da". "Der da" war Rafael.

In Görlitz gibt es zwei Kameradschaften, die "Schlesischen Jungs" und die "Boot Boys". Die "Boot Boys" spielen gerne Fußball, ein paar von ihnen in der zweiten Mannschaft des FSV Görlitz-Schlesien in der Kreisklasse. M. tritt in der ersten Mannschaft in der Kreisliga gegen den Ball. Einmal hat Bs Mutter bei einem Spiel zugeschaut. Statt vor dem Anpfiff wie in Ostdeutschland üblich "Sport frei" zu rufen, standen drei Spieler von Görlitz-Schlesien gerade und riefen "Sieg Heil". Der Schiedsrichter hat nichts gehört. Ein Spieler des FSV Görlitz-Schlesien II, der nur anonym zitiert werden will, bestätigt "den Vorfall". Aber ansonsten findet er, seien im Team "alles nette Kerle". Auf dem Sportplatz gehe es ruhig zu, da könne man nichts sagen. Obwohl, einer habe in der Tat ein Hakenkreuz als Hintergrundbild seines Handys. Und der Szenecode "88" schmücke manche Freizeitkleidung, aber der könne ja auch für etwas anderes als "Heil Hitler" stehen. Auf die Frage, wie er mit solchen Leuten Fußball spielen könne, weicht er aus. Nun gut, im "Anstoß", wo seine Kollegen nach den Spielen noch beisammen sitzen, verkehre er nicht. Dort sei es "politisch nun wirklich nicht gerade neutral".

Das Vereinslokal "Anstoß" liegt mitten in der Görlitzer Altstadt. Nebenbei dienen die Örtlichkeiten als Jugendklub. Der Betreiber gehörte selbst lange der rechten Szene an, berichtet ein anderer Freizeitfußballer. Heute achtet er zumindest darauf, dass die Musik der als kriminelle Organisation verbotenen Band "Landser" nicht mehr auf der Straße gespielt wird.

Als der ehemalige Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye vor der WM davon sprach, dass es in Deutschland Gegenden gebe, "wo ich keinem, der eine andere Hautfarbe hat, raten würde, hinzugehen, er würde sie möglicherweise lebend nicht mehr verlassen", verursachte er einen Aufruhr im Land. Rafael kann das nicht verstehen. Der Mann habe schließlich nur die Wahrheit gesagt. Görlitz sei allerdings keine No-Go-Area. In Görlitz bilden die Rechten nur eine Szene von vielen. Es gibt Punks, Oi-Skins, Rapper. Im Laufe der Jahre haben Rechte und Linke ihre Territorien abgesteckt. Im Normalfall halten sich Rechte und Linke an die unsichtbaren Grenzsteine. Schön wäre nur, wenn die Polizei etwas entschlossener gegen die Rechten vorgehen würde, sagt Rafael. Aber er will hier nicht wegziehen: "Woanders ist es doch viel schlimmer als hier."

Text: Christoph Ruf



Quelle (http://www.rund-magazin.de/home/news/afe22f44-f831-4de4-a838-47756e9163c3)

ZS4
31.01.2007, 13:27
"Die Jungen orientieren sich an uns"
In vielen Stadien gehören rechtsradikale Parolen zur Choreografie eines Spiels. Dass das in Jena nicht so ist, liegt auch an der Arbeit des Fanprojekts. Ein Gespräch mit Matthias Stein, dem Leiter des Jenaer Fanprojekts.

RUND: Herr Stein, was kann Fanarbeit leisten?
Matthias Stein: Wir in Jena versuchen, direkt in die Fanszene hineinzuwirken, wir erreichen auch die Jungen besser als die Rattenfänger. Aber das ist nicht alleine unser Verdienst. Wir haben hier das Glück, dass der aktivste Teil der Fanszene, die Ultras, konsequent antirassistisch eingestellt ist. Die Jungen, die noch nicht so oft im Stadion waren, orientieren sich an denen.

RUND: Gab es denn Unterwanderungsversuche von rechts?
Matthias Stein: Klar, immer mal wieder. Aber sobald irgendwo im Fanblock dumme Parolen angestimmt werden, wird das sofort unterbunden. Es waren auch die Jenaer Ultras mit dabei, als 2005 dafür gesorgt wurde, dass ein rechtes Musikfestival nicht wie geplant stattfinden konnte.

RUND: Sie meinen das "Fest der Völker"?
Matthias Stein: Genau, eine von NPD und Thüringer Heimatschutz angemeldete Propagandaveranstaltung. Schon im Stadion wurde dagegen durch Spruchbänder und Mund-zu-Mund-Propaganda mobilisiert, in der Stadtmitte ging für die Nazis jedenfalls gar nichts mehr, so dass sie irgendwo in einer Brache jenseits der Autobahn ihren Unsinn verzapfen mussten.

RUND: Wie läuft die Zusammenarbeit mit dem Verein?
Matthias Stein: Sehr gut, wir wurden gebeten, unser Wissen weiterzugeben, damit der Ordnungsdienst sensibilisiert werden kann, welche Symbole, Zahlen- und Dresscodes im Stadion unerwünscht sind. Schließlich haben wir in Jena als einer der bundesweit ersten Vereine den Antirassismusparagrafen in Stadionordnung und Vereinssatzung. Wer meint, rechte Propaganda machen zu müssen, fliegt raus.

RUND: So viel Entschlossenheit wünscht man sich von allen Vereinen.
Matthias Stein: Richtig, wobei man meiner Meinung nach die Rechten auch nicht stärker reden sollte als sie sind. Die teils recht reißerische Berichterstattung im vergangenen Herbst hat viele von denen erst in die Stadien gelockt. Aber es stimmt schon, es wird in Ost und West immer noch viel zu viel verharmlost. Ich kann mich noch gut erinnern, wie in Halle lautstark "Juden Jena" skandiert wurde, und die Haupttribüne mit Standing Ovations reagierte, als Leuchtspurmunition in unseren Block gefeuert wurde. Der Stadionsprecher hat geschwiegen, und das Präsidium tat, als sei alles ganz normal.

Interview: Christoph Ruf


Quelle (http://www.rund-magazin.de/home/news/b3942ce5-68c4-42d3-96d0-650568cddda9)


Das war der letzte Teil einer, wie ich finde, sehr informativen Themenwoche.

Dave
01.02.2007, 14:17
Das war der letzte Teil einer, wie ich finde, sehr informativen Themenwoche.

Danke fuers reinstellen und archivieren. In der Tat sehr interessant.

Sleepwalker
04.02.2007, 00:14
Ja, sehr interessant, aber warum die Ostklubs anschauen, wenn wir das Problem diekt vor der Haustür, nein besser gesagt im eigenen Haus (oder der eigenen Kurve) haben?

Das verleitet doch geradezu zur Verdrängung des eigenen (sehr freizügigen) Umgangs mit Rechtsextremisten in unserem Verein.

maniac
16.02.2007, 13:22
SPIEGEL-ONLINE greift das Thema auch noch einmal von RUND auf, keine ahnung, ob der text 1zu1 von RUND übernommen wurde, ich poste es trotzdem mal. größere aufmerksamkeit bekommt er durch das spiegel-feature mit sicherheit.


"Sieg Heil" statt "Sport frei"

Sie helfen Omas beim Einkaufen, machen Jugendzentren auf und veranstalten Fußballturniere: Rechtsradikale geben sich als Biedermänner und rekrutieren ihren Nachwuchs mit Vorliebe auf Sportplätzen. Ein Report des Fußballmagazins "Rund".

Heimspiel in Sachsen, Kreisklasse. Die beiden Mannschaften stehen sich am Mittelkreis gegenüber. Der Schiedsrichter bittet um ein faires Spiel. Wie in Ostdeutschland üblich begrüßt er die Fußballer mit den Worten "Sport frei". Drei Spieler stehen besonders gerade. Unter das "Sport frei" der anderen Kicker mischt sich ein dreifaches "Sieg Heil", laut genug für Zuschauer und Mitspieler. Der Schiedsrichter hört nichts. Danach wird gekickt.

Über den Fußball werden neue Nazis rekrutiert. Der Volkssport dient als Werkzeug für Volksverhetzer. Eine simple, aber wirkungsvolle Idee, findet Gabriel Landgraf. Sechs Jahre hat der 29-Jährige für rechtsextreme Organisationen gearbeitet, er war Führer der mittlerweile aufgelösten Kameradschaft Märkischer Heimatschutz. Vor eineinhalb Jahren schaffte er den Absprung. "Durch den Fußball bin ich zu den Nazis gekommen", sagt der Aussteiger. Als Neugieriger war er ins Berliner Olympiastadion gegangen. Er landete im Block der Rechtsextremen und schließlich in deren Mitte. Später veranstaltete er mit Kameraden wöchentlich eigene Fußballspiele: "Wenn da einer war, aus dem man etwas machen konnte, hat man ihn zum Fußball eingeladen. Danach wurde gegrillt. So konnte man unkompliziert Nachwuchs ködern - so läuft das deutschlandweit."

Rund sechs Millionen Menschen spielen in diesem Land organisiert Fußball. Damit sind sie für rechts interessant, denn NPD, freie Kameradschaften und DVU wollen in Vereinen, Verbänden und Versammlungen ihre Ideologie verbreiten. Die Macht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) schwindet in Deutschland spätestens ab Liga vier, das Vakuum wird von Rechten gefüllt. Dabei sind sie gut vernetzt. Sie organisieren eigene "Nationale Fußballturniere", um Kontakte zu pflegen und neue Mitstreiter zu gewinnen. Sie sind immer weniger erkennbar, gewalttätiges Auftreten wird vermieden. Die Unterwanderung ganzer Fußballvereine funktioniert ohne Glatze und Stiefel. Exkamerad Landgraf erklärt: "Da heißt es: Der Junge spielt Fußball und ist in der freiwilligen Feuerwehr aktiv - das kann kein Nazi sein."

Beim FSV Görlitz-Schlesien II spielen die Fußballer, die sich vor dem Anpfiff mit einem "Sieg Heil"-Ruf motiviert haben. Görlitz ist die östlichste Stadt Deutschlands. Sachsen wird hier nur durch einen Fluss von Polen getrennt. Ein Spieler vom FSV Görlitz-Schlesien, der namentlich nicht zitiert werden möchte, bestätigt den "Sieg Heil"-Gruß. Ansonsten, findet er, spielten in seinem Team "lauter nette Kerle". Auf dem Sportplatz gehe es ruhig zu, da könne man nichts sagen. Obwohl, einer habe in der Tat ein Hakenkreuz als Hintergrundbild seines Handys. Und ja, der Szenecode "88" schmücke auch manche Freizeitkleidung, aber der könne doch auch für etwas anderes als "Heil Hitler" stehen.

Am ersten Dezemberwochenende des vergangenen Jahres - es herrschten optimale Platzverhältnisse - wurde das Heimspiel des FSV Görlitz-Schlesien eine Stunde vor Anpfiff von den Görlitzern abgesagt. Bis heute kennen weder die Spieler der Gastmannschaft noch der Kreisliga-Staffelleiter den Grund für diese Absage. Ob es damit zu tun hatte, dass einige Görlitzer vom Vorhaben der "Rund"-Redaktion wussten, sich das Team aus der Nähe anzuschauen? Der Vorsitzende des FSV Görlitz-Schlesien zog es jedenfalls vor, auf mehrere Anfragen nur ausweichende Antworten zu geben.

Bernd Stracke leitet in der Nähe von Görlitz eine öffentlich geförderte Netzwerkstelle gegen Rechtsextremismus. Günther Hoffmann engagiert sich in Ostvorpommern gegen NPD und Kameradschaften. Wenn die beiden Männer von ihren Erfahrungen im ländlichen Raum reden, erinnern ihre Erzählungen an das Märchen vom Hasen und dem Igel. Wo immer sie auch hinkommen, sind die Rechten schon da. Wenn irgendwo eine Krabbelgruppe oder ein Jugendzentrum geschlossen wird, machen die Rechtsextremisten eigene auf. Mitglieder von Kameradschaften helfen Omas beim Einkaufen, geben Hausaufgabenhilfe oder pflanzen unter dem Motto "Naturschutz ist Heimatschutz" Bäume.

Hoffmann sagt: "Der Rechtsextremismus ist in Ostvorpommern in den Alltag eingesickert." Stracke meint: "Das Konzept der Rechten ist in der Lausitz voll aufgegangen." Die Kameradschaften haben eine eigene Infrastruktur aufgebaut. Wer organisiert ist, hat weniger Angst vor Arbeitslosigkeit. In manchen Ecken bilden die Nazis die Elite. Sie gründen Firmen, unterstützen kulturelle Aktivitäten, Vereine und treffen sich regelmäßig zu eigenen Fußballturnieren. "Solche Turniere werden überall in Deutschland ausgetragen. Dazu werden Dorfplätze oder Hallen gemietet. Dann werden speziell die Jugendlichen, die noch nicht so gefestigt sind, zum Fußball eingeladen", erklärt Landgraf. "Nach dem Fußball wird aussortiert: Mit wem kann man was anfangen, mit wem nicht."

Lesen Sie morgen im zweiten Teil, wie Nazis auch den Vereinsfußball unterwandern und bei manchen Clubs sogar den Sicherheitsdienst stellen.

Autoren: Steffen Dobbert und Christoph Ruf, Mitarbeit: Lennart Laberenz, Matthias Gärtner und Olaf Sundermeyer.